Lukas 1 Textbibel 1899
Lukas 1
Textbibel 1899
1Da nun schon Manche versucht haben, eine Erzählung von den bei uns beglaubigten Begebenheiten zu verfassen, 2so wie es uns die ursprünglichen Augenzeugen und Diener des Wortes überliefert haben, 3so habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von vorne an genau nachgegangen, es für dich, hochgeehrter Theophilus, nach der Reihenfolge niederzuschreiben, 4damit du dich von der Gewißheit der Geschichten, die du in deinem Unterricht erfuhrst, überzeugen könnest.

5Es war in den Tagen Herodes, des Königs von Judäa, ein Priester mit Namen Zacharias aus der Tagesklasse Abia, und derselbe hatte eine Frau aus den Töchtern Aaron, die hieß Elisabet. 6Es waren aber beide gerecht vor Gott, wandelnd in allen Geboten und Gerechtsamen des Herrn, ohne Tadel. 7Und sie hatten kein Kind, dieweil Elisabet unfruchtbar war, und beide waren hochbetagt.

8Es geschah aber, da er, weil seine Tagklasse an der Reihe war, den Priesterdienst hatte vor Gott, 9traf ihn nach dem Brauche der Priesterschaft das Los, zu räuchern und hiezu in den Tempel des Herrn zu treten. 10Und die ganze Versammlung des Volks war außerhalb im Gebet in der Stunde des Rauchopfers. 11Es erschien ihm aber ein Engel des Herrn, zur Rechten des Räucheraltars stehend. 12Und Zacharias, da er es sah, ward bestürzt und Furcht kam über ihn. 13Der Engel aber sprach zu ihm: fürchte dich nicht, Zacharias, dieweil deine Bitte erhört ist, und deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären, und du wirst ihm den Namen Johannes geben; 14und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich seiner Geburt freuen. 15Denn er wird groß sein vor dem Herrn, Wein und Gebranntes wird er nicht trinken, und wird mit heiligem Geist erfüllt sein vom Mutterleib an, 16und viele der Söhne Israels wird er bekehren zu dem Herrn ihrem Gott; 17und er wird dahingehen vor ihm in Geist und Kraft des Elias, zu wenden die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zum Sinne der Gerechten, zu bereiten dem Herrn ein gerüstetes Volk.

18Und Zacharias sagte zu dem Engel: woran soll ich das erkennen? bin ich doch ein Greis und meine Frau ist vorgerückt in Jahren. 19Und der Engel antwortete und sagte zu ihm: ich bin Gabriel, der da steht vor Gott, und bin abgesandt zu dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen. 20Und siehe, du wirst schweigen müssen und unvermögend sein zu reden, bis zu dem Tage, da dies geschieht, dafür daß du meinen Worten nicht geglaubt hast, als welche zu ihrer Zeit erfüllt werden sollen.

21Und das Volk war in Erwartung auf Zacharias, und sie wunderten sich darüber, daß er so lange blieb im Tempel. 22Da er aber herauskam, vermochte er nicht zu ihnen zu reden, und sie erkannten, daß er ein Gesicht im Tempel gesehen; und er winkte ihnen zu, und blieb stumm. 23Und es geschah, wie die Tage seines Dienstes voll waren, gieng er fort nach Hause.

24Nach diesen Tagen aber empfieng Elisabet seine Frau, und verbarg sich fünf Monate und sagte: 25also hat der Herr mir gethan in den Tagen, die er ersehen hat, meine Schmach wegzunehmen bei den Menschen.

26Im sechsten Monat aber wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine galiläische Stadt mit Namen Nazaret, 27zu einer Jungfrau, die einem Mann mit Namen Joseph verlobt war, aus dem Hause David, und die Jungfrau hieß Mariam. 28Und der Engel trat zu ihr ein und sprach: sei gegrüßt, du Begnadigte, der Herr sei mit dir. 29Sie aber ward bestürzt über dem Worte, und sann darüber nach, was das für ein Gruß sei. 30Und der Engel sagte zu ihr: fürchte dich nicht, Mariam, denn du hast Gnade gefunden bei Gott. 31Und siehe, du wirst empfangen im Schoß, und wirst einen Sohn gebären, und wirst ihm den Namen Jesus geben. 32Der wird groß sein und ein Sohn des Höchsten genannt werden, und Gott der Herr wir ihm geben den Thron seines Vaters David, 33und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und seines Königreichs wird kein Ende sein. 34Mariam aber sagte zu dem Engel: wie soll das geschehen, da ich keinen Mann kenne? 35Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich beschatten; darum wird auch, was da entsteht, heilig genannt werden, Sohn Gottes. 36Und siehe, Elisabet deine Verwandte hat gleichfalls einen Sohn empfangen, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, die unfruchtbar hieß. 37Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. 38Mariam aber sprach: siehe, ich bin des Herrn Magd; es geschehe mir nach deinem Wort; und der Engel wich von ihr.

39Mariam aber stand auf in diesen Tagen und wanderte in das Gebirge eilig einer Stadt in Juda zu; 40und trat in das Haus des Zacharias und begrüßte die Elisabet. 41Und es geschah, wie Elisabet den Gruß der Mariam hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. 42Und Elisabet ward voll heiligen Geistes und brach aus mit lauter Stimme in die Worte: Gesegnet bist du unter den Weibern, gesegnet die Frucht deines Leibes. 43Und woher wird mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44Denn siehe, wie die Stimme deines Grußes in mein Ohr drang, da hüpfte im Jubel das Kind in meinem Leibe. 45Und selig, die geglaubt hat, daß zur Vollendung kommen wird, was vom Herrn zu ihr geredet ist.

46Und Mariam sprach:

47Meine Seele lobet den Herrn,

48und mein Geist frohlockte über Gott meinen Erlöser, daß er angesehen hat die Niedrigkeit seiner Magd. Denn siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter,

49daß der Gewaltige Großes an mir gethan. Und heilig ist sein Name.

50Und sein Erbarmen währt von Geschlecht zu Geschlecht für die, die ihn fürchten.

51Er hat Kraft geübt mit seinem Arm. Er hat zerstreut, die da hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

52Er hat Gewaltige vom Thron gestürzt und Niedrige erhoben.

53Hungernde hat er mit Gütern erfüllt und Reiche leer abziehen heißen.

54Er hat sich Israel seines Sohnes angenommen, der Barmherzigkeit zu gedenken,

55so wie er geredet hat zu unsern Vätern, zu Abraham und seinem Samen für immer.

56Mariam aber blieb bei ihr gegen drei Monate und kehrte zurück nach Hause.

57Bei Elisabet aber ward die Zeit voll zum Gebären und sie gebar einen Sohn. 58Und ihre Nachbarn und Verwandten hörten, daß der Herr seine Barmherzigkeit an ihr verherrlicht hatte, und freuten sich mit ihr.

59Und es geschah, am achten Tage kamen sie den Knaben zu beschneiden, und nannten ihn nach dem Namen seines Vaters Zacharias. 60Und seine Mutter antwortete: Nein, sondern Johannes soll er heißen. 61Und sie sagten zu ihr: es ist niemand in deiner Verwandtschaft, der diesen Namen führt. 62Sie winkten aber dem Vater zu, wie er ihn genannt haben wolle. 63Und er forderte ein Täfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Und es verwunderten sich Alle. 64Alsbald aber ward ihm der Mund aufgethan und die Zunge, und er sprach und pries Gott, 65und es kam Furcht über alle ihre Nachbarn, und im ganzen Gebirge Judäas wurden alle diese Dinge besprochen. 66Und alle die es hörten, nahmen es sich zu Herzen und sagten: was wird es mit diesem Knaben sein? war doch die Hand des Herrn mit ihm.

67Und Zacharias, sein Vater, ward voll heiligen Geistes und weissagte und sprach:

68Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, daß er heimgesucht und Erlösung geschaffen hat seinem Volk

69und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heiles im Hause Davids seines Knechtes,

70so wie er geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von alter Zeit her:

71Erlösung von unseren Feinden und von der Hand aller, die uns hassen,

72Erbarmen zu üben an unseren Vätern und zu gedenken seines heiligen Bundes,

73nach dem er zugeschworen hat Abraham unserem Vater,

74uns zu verleihen, daß wir furchtlos aus Feindeshand befreit

75ihm dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm all' unsere Tage.

76Und du aber, Kindlein, sollst Prophet des Höchsten heißen. Denn du sollst vor dem Herrn her wandeln, seine Wege zu bereiten,

77zu geben Erkenntnis des Heils seinem Volke durch Vergebung ihrer Sünden.

78Um herzlicher Barmherzigkeit willen unseres Gottes, in welcher uns heimsuchen wird der Aufgang aus der Höhe,

79zu scheinen denen, die da sitzen in Finsternis und Todesschatten, zu richten unsere Füße auf den Weg des Friedens.

80Der Knabe aber wuchs und ward stark am Geist, und war in der Wüste bis auf den Tag seiner Darstellung vor Israel.

Textbibel des Alten und Neuen Testaments, Emil Kautzsch, Karl Heinrich Weizäcker - 1899

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